Zurueck


Für viele, reicht es wenn ein Wikinger eine weite Pluderhose und eine "Zipfelmütze" trägt um als Kiever Rus durchzugehen. Aber so einfach ist das nicht! Denn sprechen wir von Kiever Rus, meinen wir ein Reich von enormer Größe das über 400 Jahre bestand hatte.
Wer sind nun also diese Kiever Rus und wo liegt ihr Reich?
Im Folgenden möchte ich versuchen, eine Antwort auf diese Fragen zu formulieren.
Als Gründungsjahr der Kiever Rus wird in der Regel mit 862 n.Ch. angegeben, da in diesem Jahr ein Varaegerfürst mit Namen Rurik (skand. Hrørikr) in das damalige Slawenland kam. Dieses Land wurde von verschiedenen slawischen Stämmen bewohnt, als Beispiele möchte ich hier die Drewiljanen, die Poljanen oder auch die Slovenen nennen. Es gibt diverse mehr, aber sie alle zu nennen würde den Rahmen sprengen und es tut auch nichts zur Sache bei der Suche nach dem Ursprung der Rus. Es gibt eine Byline (vergleichbar mit den skandinavischen Sagas), die sich mit der Gründung der Kiever Rus beschäftigt. Diese möchte ich kurz anreißen um erst einmal die Wurzeln der Rus klarzustellen.
Bereits um 750 n.Ch. ließen sich die ersten Varaeger im Gebiet der späteren Kiever Rus nieder, genauer gesagt in Staraya-Ladoga. Diese führten von dort aus Raubzüge auf das umliegende Gebiet der Slawen durch. Dies gelang ihnen recht einfach, da die slawischen Stämme untereinander uneins waren. Etwa um 800 n.Ch. schlossen sich jedoch einige slawische Stämme zusammen um der Bedrohung der marodierenden Varaeger Herr zu werden. Der Kampf war hart, aber am Ende gelang es den Slawen, die Varaeger zu schlagen und sie vertrieben sie über das Varaegische Meer (heute Ostsee) nach Norden. Nun galt es einen Herrscher zu finden welcher über die Slawen regieren sollte und sofort brachen die alten Streitigkeiten wieder aus. Es wurde recht bald klar, das ob dieser Streitigkeiten es unmöglich erschien einen aus ihren eigenen Reihen zu erwählen, um über die Slawen zu herrschen. Denn jeder Stamm stellte einen der eigenen zum Fürsten, und zum Teil stellten gar einzelne Sippen, Anwärter für den Fürsten. Aus diesem Streite entbrannte ein Bürgerkrieg im slawischen Land. So schlossen sich im Jahre 860 n. Ch. die Stämme der Cuden, Slovenen, Krivicen und Vesen zusammen und schickten Boten gen Norden in das Land der Varaeger. Diese sollten dort darum werben, dass ein varaegischer Fürst zu ihnen komme um über die ihren zu regieren. Diesem Wunsch folgten der Byline nach 3 Brüder, Rurik der Ältere und seine beiden Brüder Sineus und Truwor. Rurik ließ sich im heutigen Novgorod (neue Stadt) nieder und begründete diese Stadt, Sineus ging nach Beloozero und Truwor nach Izbork. Rurik herrschte von 862 - 879 n. Ch. von Novgord über das Reich der Slawen und begründete damit die Stammlinie der Kiever Fürsten (Rurikiden). Während dieser Zeit zogen 2 Männer aus dem Gefolge Ruriks mit ihren Schiffen gen Süden und ließen sich im Gebiet des heutigen Kievs (im skand. Kjanugaard) nieder. Diese beiden Männer, welche auf die Namen Askod und Dir hörten, gelten somit als die Begründer Kievs. Im Jahre 882 n.Ch. zog Fürst Oleg, welcher als Vormund für Ruriks Sohn Igor regierte gen Süden und nahm Kiev ein. Durch die Zusammenführung der Varaegerherrschaften im Norden (um Novgorod) und im Süden (um Kiev) und die dann folgende Verlegung des Fürstensitzes von Novgorod nach Kiev, gilt als Gründung des Reiches der Kiever Rus.[1]

Das Gebiet der Kiever Rus erstreckt sich von den großen Handelsstädten Alt-Ladoga und Novgorod (im skand. Holmgaard) im Norden bis zu den Außenposten Beresan und Tmutorokan im Süden, von den alten Städten Galitsch und Isborsk im Westen bis zu den Neugründungen Jaroslawl und Murom im Osten.
Dieses frühmittelalterliche Großreich, dessen riesiges Gebiet von Ostslawen, Finnen und Balten, sowie (marginal) von iranischen und turkstämmigen Völkern bewohnt wurde, wurde von den hauptsächlich aus Schweden stammenden Varaegern oder Rus beherrscht, die den Großteil der Adels-, Händler- und Kriegerschicht bildeten. Die dominierende Kultur und Sprache war jedoch die Slawische, und die Varaeger erfuhren bereits nach wenigen Generationen die vollständige Slawisierung.
Das 10. Jahrhundert kennzeichnete den Höhepunkt der Kiewer Macht. Fürst Oleg von Kiew konnte nach einem erfolgreichen Feldzug gegen Konstantinopel dem Byzantinischen Reich einen vorteilhaften Diktatfrieden aufzwingen. Fürst Svjatoslav zerstörte das Chasaren-Reich und eroberte vorübergehend weite Teile des Balkans, unter anderem das Bulgarische Zarenreich.

Durch den hauptsächlich auf Konstantinopel ausgerichteten Handel kam es, trotz anfänglicher Eroberungsversuche seitens der Rus, zu engen Kontakten mit dem Byzantinischen Reich, die zur christlichen Missionierung und schließlich 988 zum Übertritt der Rus zum orthodoxen Glauben führten. So entstand zur ersten Jahrtausendwende aus der Verschmelzung von Skandinaviern und Slawen mit byzantinischer Kultur und Religion das Volk der Ostslawen, aus dem später Russen, Ukrainer und Weißrussen hervorgegangen sind.
Die Kiewer Fürsten waren hoch angesehen und heirateten in ganz Europa; so schlossen sie dynastische Verbindungen unter anderem mit Norwegen, Schweden, Frankreich, England, Polen, Ungarn, dem Byzantinischen und dem Deutschen Reich. Eine Blütezeit erreichte die Kiever Rus unter den Großfürsten Wladimir dem Heiligen (980–1015) und Jaroslaw dem Weisen (1019–1054). Letzterer ließ im ganzen Reich nach byzantinischem Vorbild viele Kirchen, Klöster, Schreibschulen und Festungsanlagen errichten, reformierte die ostslawische Gesetzgebung und hielt sie erstmals schriftlich fest (Russkaja Prawda) und gründete in Kiev die erste ostslawische Bibliothek.
Eine Belastung für die Kiever Rus war die geographische Randlage in Europa an der Grenze zum Wilden Feld, aus dem ständig neue Reitervölker wie Alanen, Petschenegen oder Kyptschaken kamen, die das Reich mit ihren Überfällen immer im Kriegszustand hielten. Das zweite große Problem war die Erbfolgeregelung nach dem Senioratsprinzip, die bei fast jedem Thronwechsel zu Bürgerkriegen und ab der zweiten Hälfte des 11. Jahrhunderts zu immer mehr Aufspaltungen des Reiches führte.
Nach dem Tod des mächtigen Großfürsten Wladimir Monomach (1125), der die zerstrittenen Fürsten noch einmal einen konnte, kam es zum endgültigen Zerfall des Kiever Reiches. Die Teilfürstentümer wurden jedoch weiterhin alle von Fürsten aus dem Geschlecht der Rurikiden regiert. Den ab 1223 einfallenden Mongolen fiel es dadurch aber leicht, die ostslawischen Fürstentümer nacheinander zu unterwerfen. Das einzige Fürstentum was dem Mongolensturm stand hielt, war Groß-Novgorod.


Im Folgenden möchte ich hier eine kleine Zeitleiste [2] für das Reich der Kiever Rus aufzeigen:
* ca. 750: Skandinavische Siedlung in Staraja Ladoga (Alt-Ladoga).
* 844: Ibn Chordadhbeh schreibt nieder, dass die Rus "Eunuchen, männliche Sklaven, weibliche Sklaven, Biber- und Marderfelle sowie andere Pelze" verkaufen.
* 862: Laut Nestorchronik kommt es zu Kämpfen zwischen Einheimischen und Warägern, die zur Vertreibung der Waräger führen. Danach reist eine Delegation der Slawen, Finnen und Esten nach Schweden und lädt die warägischen Rus dazu ein, über die zerstrittenen Stämme zu herrschen.
* 864–883: Die Rus überfällt und plündert islamische Städte am Kaspischen Meer.
* 865: Erneuter Angriff der Rus auf Konstantinopel.
* ca. 868: Die Rus unter Askold und Dir übernimmt die Kontrolle über die slawische Stadt Kiew.
* 882: Oleg/Helgi wird Fürst von Kiew: Gründung der Kiewer Rus durch die Vereinigung der Warägerherrschaften im Norden (um Nowgorod) mit denen im Süden (um Kiew).
* 902: 700 Söldner aus der Rus sind in byzantinischen Diensten an einer Militäraktion auf Kreta beteiligt.
* 907-913: Feldzüge der Rus gegen das Byzantinische Reich sowie gegen islamische Länder.
* 907: Flottenangriff der Rus auf Konstantinopel, der byzantinische Kaiser zahlt Tribut und bietet Handelsprivilegien an.
* 920: Der arabische Handelsreisende Ibn Fadlan trifft die Rus in Bolgar an der Wolga und schreibt seinen berühmten Bericht über die Wikinger der Rus.
* ca. 930: Igor, Fürst der Wolga-Rus, übernimmt die Herrschaft in Kiew.
* 944: Friedensvertrag zwischen der Kiewer Rus und dem Byzantinischen Reich.
* ca. 945: Der aufständische Stamm der Drewljanen tötet Igor. Olga wird Fürstin von Kiew.
* 955: Swjatoslaw, der Sohn von Igor/Ingvarr und Olga/Helga lässt sich taufen, bleibt aber nur oberflächlich christianisiert.
* 957: ernst gemeinte Taufe von Fürstin Olga durch byzantinische Priester.
* 965: Die Rus unter Swjatoslaw zerstört die Festung Sarkel und Itil, die Hauptstadt des Chasarenreichs, überfällt islamische Gebiete, erobert Küstengebiete an der Ostsee und führt Krieg gegen die Wolga-Bulgaren, um die östlichen Handelswege in den Orient unter ihre Kontrolle zu bekommen.
* 967–969: Feldzug der Rus unter Swjatoslaw quer durch den ganzen Balkan. In Thrakien nimmt Swjatoslaw 80 Städte an der Donau ein und legt sich den Zarentitel des bulgarischen Herrschers zu, der zum Vasall des russischen Großfürsten degradiert wurde. Swjatoslaw verkündet die geplante Verlegung seiner Hauptstadt von Kiew nach Preslaw an der Donau, weil dort "der Mittelpunkt seines Reiches läge".
* 969: Die Rus unterwirft die Chasaren.
* 971: nach einer verheerenden Niederlage gegen die byzantinische Armee trifft Swjatoslaw an der Donau mit dem byzantinischen Kaiser Johannes Tsimiskes zusammen und schließt mit ihm einen Friedensvertrag, der ihn zum Verzicht auf Bulgarien und zur Rückkehr in die Kiewer Rus verpflichtet. Der byzantinische Chronist Leo Diaconus schreibt daraufhin sein berühmtes Portrait von Swjatoslaw nieder ('blond, blauäugig, Schnurrbart, rasiertes Haar bis auf zwei Haarlocken').
* 972: Swjatoslaw wird auf dem Rückweg in sein Reich an den Dnjepr-Stromschnellen von Petschenegen getötet.
* 972–980: Jaropolk I. ist Fürst von Kiew.
* 980–982: Wladimir Swjatoslawitsch wird Großfürst von Kiew und schlägt Aufstände slawischer Stämme nieder.
* 987: Wladimir Swjatoslawitsch lässt sich von byzantinischen Priestern in Kiew taufen. Daraufhin heiratet er die purpurgeborene byzantinische Prinzessin Anna. Damit wird dem Fürsten der Rus als bis dato einzigem europäischen Herrscher die Ehre zu Teil, eine Tochter eines Kaisers von Byzanz zu ehelichen. Dem deutschen Kaiser Otto III. ist diese Ehre kurz zuvor verwehrt worden.
* 988: Großfürst Wladimir I. (der Heilige) bekehrt die Rus zum orthodoxen Glauben. In Kiew werden heidnische Tempel zerstört und slawische Götzenbilder in den Dnjepr geworfen.
* 990–1015: Krieg zwischen der Rus und den Petschenegen.
* 1024: Schlacht von Listwen: Im Kampf der Söhne Wladimirs um die Nachfolge unterliegt Jaroslaws Warägertruppe unter Jakun den slawischen Kontingenten seines Bruders Mstislaw.
* 1043: Letzter Flottenangriff der Kiewer Rus auf Konstantinopel, der erfolglos endet.
* 1097: auf dem Fürstenrat von Ljubetsch wird das Senioratsprinzip durch die Primogenitur ersetzt
* 1113–1125: Wiedererstarkung der zentralisierten Macht in Kiew durch Wladimir Monomach.
* 1185: Feldzug des Fürsten Igor Swjatoslawitsch von Nowgorod-Sewersk, der im Igorlied beschrieben ist.[3]
* 1223: Zum ersten Mal erscheinen die Mongolen in der Rus; die Schlacht an der Kalka endet mit einer bitteren Niederlage für die Rus.
* 1237–1239: Erster Zug der Mongolen unter Batu durch die nördliche Rus.
* 1240–1242: Zweiter Zug der Mongolen unter Batu durch die südliche Rus und Zerstörung von Kiew am 6. Dezember 1240 nach 3 Monaten Belagerung. Dieses Ereignis betrachten manche als Ende der Kiewer Rus.


Quellen:
[1] nachzulesen in der Nestorchronik
[2] nachzulesen in Riemschers "Kleine Geschichte Russlands"
[3] beschrieben im Igorlied
Valid XHTML :: Valid CSS: :: Powered by WikkaWiki